Gespür für den Moment

Viele Alleinstellungsmerkmale gelten für den Musiker Brandl: Schwarze Klamotten und Sonnenbrille, pflegeleichte Herrenfrisur, auffällige Gestik und Mimik bei seinen Solo-Parts. Am unverwechselbarsten ist allerdings seine tiefe, rauchige Gesangsstimme, deretwegen er immer wieder als deutsche Ausgabe von Tom Waits gehandelt wird. Kein schlechter Vergleich, auch wenn er ihn unterdessen nicht mehr hören mag. Dennoch wirkt die von Waits immer ein bisschen mehr wie Attitüde, Klaus Brandls Organ ist aber authentisch. Man kann lange darauf warten, dass sie mal variiert – entweder sie gefällt einem oder nicht. Dem Publikum gefällt sie. Auch sein virtuoses Gitarrenspiel auf der Akustischen und natürlich die Begleitmusiker, die er wieder mitgebracht hat, jeder ein Profi durch und durch.

Nur so kann es funktionieren, dass der Chef spontan entscheidet, was als nächste Nummer dran ist. Und das klappt. „Das Stück eben hab ich noch nie gespielt“, bekennt der Riedener Drummer Klaus Braun-Hessing in der Pause. Gemerkt hat’s keiner. Im Gegenteil, das Publikum ist angetan von den meist melancholischen Stücken des Sängers, Gitarristen und Komponisten und auch von seiner einfalls- und geistreichen Moderation. Locker und spontan kommen die Gags, ironisch, aber auch sehr persönlich wird der Künstler, wenn er manchmal die Entstehungsgeschichte seiner Songs erläutert. Flexibel und klug wechselt er zwischen Balladen und rhythmuslastigen Kompositionen, zwischen Latin Styles, knackigem Rock’n’Roll und langsamen, traditonellen Blues-Schemen.

Ein Headbanger ohne Haare

Und dann gibt es da noch den Brandl, der sich im Spiel verliert, seine Riffs ausbaut, schneller und schneller wird und nicht mehr mit den Fingern und den Picks oder dem Bottleneck und dem Wah-Wah allein spielt, sondern mit dem ganzen Körper. Ein bisschen gequält sieht er dabei aus, wie er das Gesicht verzieht, sich windet, den Kopf in Headbang- Manier – allerdings ohne Haare – wild im Rhythmus hin- und herwirft. Das macht nur Brandl.

Gespür für den Moment. So wie der Meister die Riffs an der Klampfe beherrscht, so kann er sich auf die vier Jungs an seiner Seite verlassen, alle lang gediente Profis mit Gespür für den Moment. Ein Blick zu seiner Linken und Saxofon-Akrobat Jimmy Durham lässt’s krachen oder bezaubert mit entspanntem, harmonischem Spiel, kurz Nicken in Richtung Piano und Willi Förtsch schiebt ein Tastensolo ein – mehr Absprachen bedarf es nicht.

Erstaunlich dabei: Das Atelier der Blues-begeisterten Familie Wiech hat zwar Flair wie selten eine Auftritts-Location, ist aber wirklich klein. Und dennoch kriegt man da einen Sound hin, der weniger zu wünschen übrig lässt als der in manchen größeren und mit Hilfe von Mischern ausgesteuerten Sälen. Das liegt wohl an den erfahrenen und einfühlsamen Rhythmusgebern, Drummer Klaus Braun-Hessing und Bassist Helmer Körber. Zum Schluss sind sich die Besucher einig: Wenn Proben, so wie Brandl behauptet, bedeutet, dass man den anderen Musikern in den Rücken fällt, dann möchte man nach diesem ungeprobten Konzert die Fünf bitten: „Seid fair zu den Kollegen, probt bitte nie mehr!“

Stadtblatt Altdorf

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